Die ideale CD, um auf qualitätvolle Weise die immer hektischer werdende Welt sein zu lassen
Thomas Baack, Klassik Heute
08 October 2020
Künstlerische Qualität: 10  Klangqualität: 10 Gesamteindruck:10


Wenn ein Komponist für echtes „Crossover“ prädestiniert ist, so ist es der dänische Gitarrist und Lautenist Lars Hannibal. Hannibal spielte in der Jugend in Rockbands, erarbeitete sich eine fulminante Gitarrentechnik und ließ sich danach noch von Toyohiko Satoh auf der Laute unterweisen. Zeitweilig spielte er in einer Jazz-Combo mit dem berühmten Bassisten Niels-Henning Ørsted Pedersen. Zur Feier seines 50. Bühnenjubiläums entstand sein aktuelles Album „[BLUE]“ im Zusammenwirken mit der Blockflötenvirtuosin Michala Petri, mit der er bisher knapp 2000 Konzerte gab. Selbstverständlich durften bei einem solchen Projekt auch gemeinsamen hochmusikalischen Töchter Agnete und Amalie nicht fehlen.
Meditatives Gegenmittel zu coronarer Hektik
Hannibal greift in seinen Kompositionen auf die frühbarocken Ostinato-Formen von Passacaglia und Chaconne – in England nannte man das „Ground“, im Jazz „Blues“ – zurück und verknüpft diese mit ihnen seelenverwandten Elementen des modalen Jazz. In der Figuration der Harmonien klingen die Akkordbrechungen der Präludien der Bach-Schule an. Seine Melodik greift folkloristische, nordisch- keltische Idiome auf und würzt diese gelegentlich mit einem kräftigen Schuss südamerikanischer Salsa. Für die drei Lieder dichtete er die tiefempfundenen englischen Texte. Er lässt hier Strukturen entstehen, die ein wenig an Arvo Pärt gemahnen mögen, jedoch noch stärker auf eine fast Zen-hafte Wesentlichkeit reduziert sind. Da – und auch in den kongenialen Volksliedbearbeitungen – ist keine Note zu viel, denn ein Mehr würde die Wirkung nur schwächen.
Könner machen Hausmusik
Hannibal präsentiert seine Kompositionen auf der Gitarre mit reicher Anschlags- und Klangfarbenpalette. Geradezu kostbar sind seine fragil leuchtenden Flageoletts. Virtuosa assoluta Michala Petri demonstriert allerhöchste Spielkultur in der Gestaltung einfacher, langsamer Melodielinien. So wie es Sängern zur Ehre gereicht, Pathos und Kunstfertigkeit beim Vortrag eines einfachen Volksliedes vergessen zu machen, ist es ein Zeichen höchster bläserischer Befähigung, schlichte Tonfolgen intensiv-anrührend und nicht plakativ-demonstrierend zu gestalten. Hierfür müssen Künstler den Mut aufbringen, ihre Technik und Musikalität der Betrachtung durch ein Brennglas auszusetzen. Dies mag auf den hohen Vertretern der Blockflötenfamilie, –  mit denen man das Petri-Repertoire gemeinhin assoziiert – noch relativ einfach sein, erfordert jedoch auf den tiefen Instrumenten von Tenor bis Subbass besonders großes Können. Absolut zwingend demonstriert Petri diese Tugenden im ihr zugedachten Solostück „The Moor“. Amalie Hannibal-Petri bringt mit ihrem klaren leichten Mezzo alle Voraussetzungen für eine überzeugende Interpretation der drei im Singer-Songwriter-Stil geschriebenen vokalen Nummern mit. Man versteht den englischen Text, ohne dass sie auf simplen Sprechgesang zurückgreifen müsste. So könnte man sie sich auch im Barockrepertoire gut vorstellen. Ihre Schwester Agnete, die erst spät zum Cello fand, steuert saubere Töne zu Bass-Verstärkung bei.
Aufnahmetechnisch gab man sich Mühe, eine häusliche Atmosphäre entstehen zu lassen. Das Booklet enthält Anmerkungen des Komponisten zu jedem Stück und ausführliche Beschreibungen des Projekts. Leider – jedoch auf Grund der Informationsfülle auch verständlich – nur auf Englisch.
 
Fazit: Die ideale CD, um auf qualitätvolle Weise die immer hektischer werdende Welt sein zu lassen. Für Blockflötisten die Demonstration, wie ein wirklich dicht-gesangliches Portato klingen sollte, wie man Spezialeffekte werkdienlich gestaltet und wie man eine einfache lange Linie dynamisch mit Spannung und Tonschönheit erfüllt, was die aktuell angesagten Schnellspieler verlernt zu haben scheinen. Für die Gitarristen eine Lehrstunde bezüglich subtiler Klanglichkeit und raffinierten Timings. Unbedingte Empfehlung! 
Thomas Baack, Klassik Heute

Det er intim musik, stille musik, undertiden ensom musik, men også familiemusik præget af sammenhold.
John Cristiansen, jc-block.dk
30 September 2020
Hvad lukketiden også blev brugt til.
 
Mange musikfolk har måttet ligge mere eller mindre brak. Mange har udnyttet tiden på en anden måde. Guitaristen Lars Hannibal har komponeret nye musikstykker og indspillet en cd, som på en lidt forunderlig og stille måde finder ind i den tid, som vi desværre ikke er kommet ud af endnu. Han har komponeret ti korte atmosfærerige stykker mestendels for guitar og dybere blokfløjter, som med deres mørkere klang fremmaler den specielle karakter, som har givet cd’en dens navn: ”Blue”.
Det er intim musik, stille musik, undertiden ensom musik, men også familiemusik præget af sammenhold. Hannibals ti sange er mestendels for Michala Petris recorder. Dette engelske ord kan oversættes til meget, men i dette tilfælde gælder det en af verdens fineste blokfløjtespilleres instrumenter. Den nye cd følger i sporet af mange mesterlige cd’er, som parret Michala Petri og Lars Hannibal har indspillet. Efter parrets skilsmisse for nogle år siden vedbliv de lykkeligvis med at musicere sammen, hvilket også gav sig udslag i et eget pladeselskab OUR. Tre af de nye kompositioner er for kvartet også bestående af de to døtre Hannibal Petri, cellisten Agnete godt på vej og sangerinden Amalie, som rammer en intim og lettere rytmisk familietone. Og det er netop en cd, som kan samle familien, også min, og det i en coronatid og sikkert også i den tid, som vi længes efter.
Den nye cds anden halvdel byder på 8 danske sange i Lars Hannibals bearbejdelse og spillet af Michala Petri og ham. Hvor er de herlige, disse kendte sange og i disse bearbejdelser. Cd’en hører med i min coronatid og skal derfor med på jc-klassisk’ efter-katalog. OUR Recordings 8.226914, distribueres af Naxos. 74 minutter. 
John Cristiansen, jc-block.dk

5 start review on Blue
Raymond Tuttle, Fanfare
15 September 2020
Recorded in June 2020, this is an appropriate CD for a pandemic because it presents a family that plays music together, with no outsiders! The parents, Michala Petri and Lars Hannibal, already are familiar to many of us. On BLUE, they introduce their musical daughters: Agnete, who plays the cello with quiet professionalism, and Amalie, who has a very likable singing voice. On three tracks, all four perform together, and nothing could be more pleasant. The first half of the CD is devoted to Hannibal’s original compositions, which are unfussy and stress-free. He writes that he often seeks to compose “blue” music—not music that is depressed or depressing, but music that is created when “things flow calmly and freely” and when there is no need to show off. Hannibal’s style as a composer reflects both his classical training and his youthful appreciation for and experiences with more popular genres. I was surprised and delighted to realize that the songwriters who first came to mind as I heard the three vocal selections were Paul Simon and Art Garfunkel. I’m not saying that these songs are as great as Bridge Over Troubled Water, for example. I’m simply saying that these songs are excellently written, and that while they seem potentially timeless in their appeal, they have a vibe that I associate with folk rock from the 1960s and 1970s.
The second half of the CD is devoted to Hannibal’s arrangements, for guitar and, in all but two, recorder, of eight classical Danish songs. These no doubt will resonate with Danish listeners more strongly than they resonate with others, but they will give pleasure to all who hear them. Again, simplicity is the key. Carl Nielsen’s Wond’rous air of evening is as straightforward and as eloquent as a Bach chorale.
The sleeve includes a thank-you “to the swallows and sparrows in the beautiful open surroundings around the studio for participating in the music making.” They add an intimate final touch to this CD.
As usual, Michala plays several different recorders on this CD, all of them with a fluency that will make even very accomplished amateurs weep with envy. In keeping with the “blue” mood of this CD, Hannibal’s arrangements call for the lower and larger instruments in the recorder family; no soprano or sopranino recorders will be heard here. Lars plays his Kenneth Brøgger guitar with even-tempered lyricism throughout, always in smooth and perfect balance with the others. BLUE, by the way, is his 50th anniversary release. What a wonderful way to celebrate.
Calming, quietly cheerful, and flawlessly executed, BLUE is just what we need to get us through challenging times. Sometimes simple is best.
Raymond Tuttle, Fanfare